Republica 26: Die (digitale) Welt in bewegten Zeiten
aoe / 22. Mai 2026 / Lesezeit: 6 Minuten / Tags: Republica, Berlin
Das Programmangebot der Digitalkonferenz Republica war auch in diesem Jahr riesig, fast überwältigend. Zahlreiche parallel laufende Tracks – und vieles würde einen eigentlich interessieren. Zum Glück gibt es im Anschluss Videoaufzeichnungen.
Den meisten Beiträgen ist anzumerken: „Es hat sich etwas geändert in jüngster Vergangenheit“. Etwas ist dringlich geworden und die Gesellschaft steht unter Druck, scheint sogar teilweise überfordert zu sein. Internationale Krisen, eine immens angegriffene Umwelt, ein sich spürbar verengender digitaler Raum. Und die „Künstliche Intelligenz“ kommt noch obendrauf.
Diese Krisen betreffen jede einzelne und jeden einzelnen. Daher ist es sehr sympathisch, dass die Republica das Motto Never Gonna Give You Up gewählt hat: Keiner wird zurückgelassen, wir bewältigen das gemeinsam – oder versuchen es zumindest.
Zeit für Gedanken und Gespräche
Das Schöne an der Republica ist, dass hier einfach mal eine halbe oder dreiviertel Stunde Zeit ist, in Vorträgen und Diskussionsrunden Gedanken zu entwickeln. Das steht im Kontrast zu Posts, TikTok-Videos und besonders auch TV-Diskussionen, die Dinge knapp auf den Punkt bringen wollen. Oft geht es zuerst darum, wer vermeintlich einen Stich machen kann.
Die längeren Formate auf der Veranstaltung sind erfrischend anders und Gedanken können sich entfalten und ausgetauscht werden. Die Diskussionen gehen in den Gängen und auf den Treffpunkten weiter. Und darüber hinaus.
Viele Frauen auf den Bühnen
Zufall? Absicht? Nein ich denke, es ist vielmehr ein Abbild der Zeit, dass bei vielen Vorträgen und Diskussionen Frauen auf der Bühne stehen und ihre Gedanken, Fragen und Erkenntnisse teilen. Da hat sich in den letzten fast 20 Jahren der Veranstaltung einiges getan.
Auch das Publikum ist erkennbar divers, nicht zuletzt in der Altersstruktur. Die parallel laufende Tincon (Teenage Internetwork Conference) holt das junge Publikum ab. Komplette Schulklassen besuchen die Veranstaltung.
Kaleidoskop mit immer wiederkehrenden Themen
Es spielt beinahe keine Rolle welchen Track man besucht, immer wieder werden bestimmte Themen genannt.
Souveränität: wie lässt sich in einer Welt mit erstarktem Autoritarismus die digitale Unabhängigkeit sichern, oder genauer gesagt, erstmals tatsächlich aufbauen?
„Künstliche Intelligenz“: was wird damit in der konkreten Anwendung gemeint? Welche Folgen hat „KI“ für die Arbeitswelt und die Gesellschaft?
Wie lässt sich das digitale Leben gestalten, ohne dass Umwelt und Klima aus dem Blick geraten?
Was tun, gegen die immer größer werdende Ungleichheit? Wie gelingt die soziale Transformation?
Wie sieht es mit autoritären Bestrebungen international und im Land aus?
Was tun gegen Entmenschlichung bzw. die absurde Einteilung in „wertvolle“ Menschen und Menschen zweiter Klasse?
Es wird immer wieder betont, dass diese Herausforderungen nur gemeinsam, in Gruppen, gelöst werden können. Ganz nach dem Motto der Republica 26 „Never Gonna Give You Up“. Vereinzelung ist auch ein Grund für viele Probleme dieser Zeit. Zugewandtheit ist bei einer Lösung von zentraler Bedeutung.
Als kleinen Ausschnitt möchte ich wenige Veranstaltungspunkte kurz vorstellen.
Die große Politik
Auch vor einem Jahr war Karsten Wildberger auf der Republica. Damals war er als Minister ganz neu im Amt. Jetzt hat er, auch im Gespräch mit Markus Beckedahl, die ersten Ergebnisse des ebenfalls neuen Digitalministeriums vorgestellt. Inzwischen sind es immerhin 500 Mitarbeiter, die hier zahlreiche Projekte planen und umsetzen. Karsten Wildberger nennt unter anderem Open Source als neues Leitprinzip und stellt in Aussicht, dass Künstliche Intelligenz nicht unreguliert auf Anwender und Gesellschaft trifft.
Mit dem Deutschland-Stack soll perspektivisch nicht nur die Bundesverwaltung modernisiert werden, sondern auch die Kommunen können davon profitieren.
Positiv wurde nicht zuletzt vermerkt, dass das Ministerium auch Mastodon für die Social-Media-Kommunikation einsetzt.
Basisbewegungen: Erfolge „im Kleinen“
DI.DAY
Im Track Graswurzeln gegen Dark Tech: Der Digital Independence Day stellte Björn Staschen zusammen mit Sandra Goldschmidt (Verdi), Franziska Heine (Wikimedia Deutschland), Wolfgang Oels (Ecosia) und Sascha Foerster (bonn.digital) Wege jenseits von „Big Tech“ vor. Als positives Beispiel wird auch hier das Land Schleswig-Holstein genannt, wo die Verwaltung von Microsoft auf Open-Source-Lösungen umsteigt.
Jeder und jede einzelne kann etwas tun. Jeweils am ersten Sonntag helfen Ehrenamtliche am DI.DAY Interessenten dabei, etwa auf LINUX zu wechseln oder statt WhatsApp das dezentrale Angebot im Fediverse zu nutzen.
Wiblio
Wie die Berliner Bibliotheken die digitale Vernetzung vor Ort voranbringen zeigte Ralf Stockmann in seiner Präsentation Wiblio – hyperlokale Online Communities. Die auf Discourse basierende Alpha-Version der Plattform wurde gleich vor Ort mit dem Publikum und Besuchern am Stand erfolgreich getestet. Künftig sollen mit Wiblio Chat, gemeinsames Arbeiten an Text- und Tabellen-Dateien in definierten Gruppen möglich werden. Einfach QR-Code einscannen und es kann losgehen. Der VOEBB (Verbund der Öffentlichen Bibliotheken Berlins) war mit einem eigenen Stand auf der Republica 26.
Journalismus
Gleich morgens am Eröffnungstag bin ich über den KI-Kummerkasten gestolpert. Im KI-Kummerkasten können Besucher*innen ihre Sorgen zum Einsatz von KI im Journalismus loswerden und damit zu einem Forschungsprojekt im Leibniz-Institut für Medienforschung beitragen. Eine schöne Idee und ich bin gespannt, was dabei herauskommt.
Die Journalistin Carol Cadwalladr berichtete über den investigativen Journalismus am Beispiel ihrer Recherche zu Cambridge Analytica. Sie geriet dadurch beruflich und persönlich stark unter Druck und hat als Reaktion das ausschließlich von Frauen gegründete unabhängige Medienunternehmen The Nerve ins Leben gerufen.
Positive Aussichten, dennoch
Die Neurowissenschaftlerin Maren Urner plädierte in ihrem Vortrag dafür radikal hoffnungsvoll zu sein. Sie zeigte, dass das Gehirn niemals aufgibt, auch wenn die Lage prekär erscheint. Maren Urner hat in ihrer Forschung herausgearbeitet, dass Hoffnung tatsächlich ein Mittel ist, um den Weg in eine Selbstzerstörung zu stoppen. „Angst macht uns messbar dümmer“, doch Hoffnung und Angst schließen sich aus. Hoffnung hat sogar einen schützenden Effekt, den man an Hirnscans nachweisen kann.
Maren Urner stellte klar, dass Hoffnung nicht mit Optimismus zu verwechseln ist, weil Hoffnung aktives Handeln mit einschließt. Das gilt individuell und gesellschaftlich.
Sie stellte als positives Beispiel abschließend das Projekt Funfacts vor, das Informationen und Spaß verbindet. Hier kommen ganz unterschiedliche Leute zusammen, um Demokratie zu fördern.
Die Republica-26-Vorträge sind weiterhin verfügbar
Auch Tage, nachdem ich live auf der Veranstaltung war, finde ich über Social Media (das heißt, über das Fediverse) interessante Anspieltipps.
Alle Videos zur Republica 26 sind bei Youtube verfügbar. Vielleicht wäre es eine gute Idee auch hier künftig einen zweiten, unabhängigen Kanal zu bespielen?
https://www.youtube.com/@republica